Vor dem Hintergrund der Wahlen zum 20. Stadtparlament am 15. März und dessen Zusammentritt am 15. April erinnert das Stadtarchiv mit der Ausstellung „80 Jahre Stadtverordnetenversammlung“ an die Geschichte der Gemeindevertretung der Hugenotten- und Waldenserstadt seit 1945.
Die Ausstellung wird am Montag, 4. Mai 2026, 18.00 Uhr, von Stadtverordnetenvorsteherin Christine Wagner im Foyer des Rathauses, Hugenottenallee 53, eröffnet. Alle Bürgerinnen und Bürger sind zur Eröffnung herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung kann bis zum Freitag, 29. Mai 2026 zu den Öffnungszeiten des Rathauses besichtigt werden.
Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen drei richtungsweisende Gemeindewahlen aus den vergangenen Jahrzehnten: 1946, 1977 und 1981.
„Diese Ausstellung „80 Jahre Stadtverordnetenversammlung“ berührt mich auch persönlich. Am 15. April wurde ich erneut zur Stadtverordnetenvorsteherin gewählt und sehe mich damit in einer Reihe von Menschen, die Verantwortung in unserer Stadt übernommen haben. Dies erfüllt mich mit großer Dankbarkeit und zugleich mit dem Anspruch, diese Aufgabe mit Respekt vor dem Vergangenen und mit Blick nach vorne weiterzuführen“, sagt Stadtverordnetenvorsteherin Christine Wagner.
„Die Ausstellung macht sichtbar, wie sich die Demokratie vor Ort entwickelt hat. Nicht nur abstrakt, sondern konkret in Entscheidungen, Konflikten und Engagement. Sie erinnert daran, dass kommunale Politik das Fundament unseres Zusammenlebens ist“, sagt Bürgermeister Dirk Gene Hagelstein.
Die Gemeindewahlen von 1946, die ersten demokratischen politischen Wahlen nach Kriegsende in Hessen, fanden in Neu-Isenburg am 27. Januar statt. Die US-Militärregierung hatte der Wahl noch einige Hürden auferlegt. So konnten Personen weder wählen noch gewählt werden, die sich im Nationalsozialismus durch Mitgliedschaft in der NSDAP oder einer der sonstigen NS-Organisation oder auf andere Weise besonders hervorgetan hatten. Außerdem sollte eine 15-Prozent-Sperrklausel einer parlamentarischen Zersplitterung entgegenwirken, um stabile demokratische Verhältnisse in den Gemeindevertretungen zu gewährleisten. In Neu-Isenburg führte die Sperrklausel dazu, dass von den vier zur Wahl angetretenen Parteien nur SPD und CDU in die Gemeindevertretung einzogen.
Die erste Gemeindevertretung trat zum ersten Mal am 7. Februar 1946 zusammen. Prägende Figuren dieser Zeit waren u. a. (in alphabetischer Reihenfolge): Wilhelm Bremser, Karl Demmer, Robert Gressmann und Georg Koser. Ein besonderes Anliegen des Stadtarchivs ist es, die Biografien dieser ersten gewählten Gemeindevertreter zu beleuchten. Wer waren Sie? Welche Berufe übten sie aus? Welchen Parteien gehörten sie an? Mit welchen Botschaften wendeten sie sich an die Wählerschaft nach dem Ende der totalitären Herrschaft des Nationalsozialismus? Die fortschreitende digitale Erschließung der Fotosammlung des Stadtarchivs ermöglicht es, wenigstens einem Teil dieser heute nahezu vergessenen Parlamentarier der ersten Stunde „ein Gesicht“ zu geben.
In den folgenden Wahlperioden zogen weitere Parteien in die Gemeindevertretung Neu-Isenburgs ein: Die Liberaldemokratische Partei (später: FDP), die Kommunistische Partei (KPD, seit 1956 verboten), der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) und im Jahr 1968 die rechtsextreme NPD. Die SPD blieb in Neu-Isenburg dennoch lange Zeit dominierend. In den 1970er Jahren verlor sie jedoch zunehmend an Zustimmung an die CDU. Dies war kein rein lokales Phänomen. Die Kommunalwahlen in den 1970er Jahren ließen erkennen, dass die Vorherrschaft der SPD in Hessen zu bröckeln begann. So erlitt die SPD hessenweit deutliche Verluste zugunsten der CDU.
Die Gründe waren vielschichtig. Die hessische Gebietsreform (1969–1979) reduzierte die Zahl der Gemeinden erheblich und führte zunehmend zu Zwangszusammenschlüssen. Diese stießen besonders in Südhessen auf heftigen Widerstand, da viele Bürger lokale Identitäten und die kommunale Selbstverwaltung bedroht sahen. Auch große Infrastrukturprojekte der SPD verstärkten die Kritik, da sie mit Eingriffen in bestehende Lebensräume verbunden waren.
Die CDU nutzte diese Unzufriedenheit erfolgreich, unterstützte Proteste und gewann bei den Kommunalwahlen 1977 deutlich hinzu – auch in Neu-Isenburg. Die Neu-Isenburger SPD setzte im Wahlkampf 1977 auf ihre bisherigen Erfolge, etwa die kurz zuvor eröffnete Hugenottenhalle, unterlag jedoch der CDU. Diese konnte mit ihrer grundsätzlichen Kritik an kostspieligen „sozialistischen Experimenten“ mit ungewissem Ausgang – insbesondere in der Verkehrsplanung, der Stadtentwicklung sowie im sozialen Bereich wie der Kinder- und Jugendarbeit – punkten.
Mit den Kommunalwahlen von 1981 begann in Hessen die politische Beteiligung der Grünen und anderer Bürgerinitiativen mit umweltpolitischen Schwerpunkten. Der Protest gegen den geplanten Ausbau der Startbahn West – der mit dem wegweisenden Urteil des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs vom Oktober 1980 endgültig entschieden wurde – verlieh der Umweltschutzbewegung starken Auftrieb und förderte ihre politische Teilhabe. Dies wirkte sich besonders in den vom Flughafenausbau betroffenen Gebieten aus: In Mörfelden-Walldorf erreichte die grüne Bürgerliste aus dem Stand 25,7 % der Stimmen. Auch in Neu-Isenburg erzielten die Grünen mit 7,1 % ein überdurchschnittliches Wahlergebnis.
Neben dem Umweltschutz erwies sich auch der Datenschutz als Katalysator für den frühen Erfolg der Grünen. Die hessische SPD-Politik trieb eine umstrittene zentrale Speicherung von Personendaten voran, die vielfach als massiver Eingriff in die Privatsphäre wahrgenommen wurde. Die Grünen, die sich als Bürgerrechtsbewegung positionierten, nutzten auch dieses Politikfeld erfolgreich, um insbesondere in Südhessen Protestwähler zu mobilisieren und erste starke Ergebnisse zu erzielen – ein Vorläufer ihres späteren bundesweiten Aufstiegs.
Ein weiterer Aspekt der Ausstellung beleuchtet den Ort, an dem das höchste beschlussfassende Organ der Stadt Neu-Isenburg zusammenkommt, den Plenarsaal. Bis zum Neubau des Rathauses in der Hugenottenallee im Jahr 1957 befand sich der Sitzungssaal im Alten Stadthaus in der Frankfurter Straße 53-55, dem heutigen Sitz des Stadtarchivs.
Ein Novum war es, als der neue Plenarsaal im Jahre 1981 besetzt wurde: Gegner der Startbahn West forderten von den Fraktionen Stellungnahmen zum Flughafenausbau und zur Räumung des sogenannten „Hüttendorfes“ in Mörfelden durch die Polizei, nur zwei Tage zuvor, am 2. November. Dass die Umweltbewegung auf einem ihrer Höhepunkte angelangt war, machte sich auch im Parlament bemerkbar: Mit den Kommunalwahlen im Frühjahr 1981 zogen die Grünen in die Stadtverordnetenversammlung ein.
Eine Galerie der Stadtverordnetenvorsteher von den Anfängen bis in die Gegenwart sowie Schaubilder mit den Wahlergebnissen, Wahlbeteiligungen und Sitzverteilungen im Stadtparlament von 1946 bis heute runden die Ausstellung ab.
Stadtarchiv sucht Werbematerial
Das Stadtarchiv hat für die Ausstellung zahlreiche Materialien aus seinen Beständen ausgewählt. Neben Fotografien der Stadtverordneten ist vor allem reichhaltiges Werbematerial aus den Wahlkampfzeiten zu sehen (Plakate, Flug- und Faltblätter usw.). Das Stadtarchiv verbindet mit der Ausstellung auch die Hoffnung, dass die Bürgerinnen und Bürger bei dem Gang durch die Ausstellung dazu angeregt werden, einmal selbst bei sich zuhause nach historischen Wahlkampfmaterialien zu stöbern – ganz gleich, aus welchem Jahrzehnt –, um sie dem Stadtarchiv zur Ergänzung seiner Bestände zu übergeben.
Publikationen der Stadt Neu-Isenburg
Der Ältestenrat der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Neu-Isenburg (Hrsg.): Informationen zur Arbeit der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Neu-Isenburg. Bürgerversammlungen. Bilanz. 1977-1980, Neu-Isenburg 1980.
Der Ältestenrat der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Neu-Isenburg (Hrsg.): Die Stadtverordnetenversammlung Neu-Isenburg 1946-1985, Neu-Isenburg 1985.
Magistrat der Stadt Neu-Isenburg (Hrsg.): Neu-Isenburg 1945-1972, [Neu-Isenburg] 1972, S. 14-18.
Magistrat der Stadt Neu-Isenburg (Hrsg.): Neu-Isenburg. gestern – heute – morgen. Stadtparlament und Magistrat der Stadt Neu-Isenburg 1945-1964, Neu-Isenburg 1964.
Stadt Neu-Isenburg (Hrsg.): 75 Jahre Stadt Neu-Isenburg, Neu-Isenburg 1969, S. 9.
Stadt Neu-Isenburg (Hrsg.): Die Stadtverordnetenversammlung in der 12. Legislaturperiode, Neu-Isenburg 1992.
Verkehrs- und Verschönerungsverein (Hrsg.): Heimatfest 1954. 60 Jahre Stadt Neu-Isenburg. Fest-Programm, Neu-Isenburg 1954, S. 32-33.



![Das Bild zeigt die Stimmabgabe des Bürgermeisters Wilhelm Arnoul bei der Gemeinderatswahl am 27. Januar 1946 im Wahllokal in der Westendhalle. Zu sehen sind daneben v.l.n.r.: Georg Koser, Adolf Bauer, Philipp Wiemer, Adam Ebner, August Geiß (sitzend), Dr. Juliane Girardi-Vogt, Heinrich Zimbrich, Unbekannt, Fotograf: Paul Zehner, Offenbach]. Quelle: Stadtarchiv NI F 2.3 Nr. 49 Bld. 1](/veranstaltungskalender/veranstaltungen/hauptkalender/2026/ausstellung-zum-80-jaehrigen-jubilaeum-der-stadtverordnetenversammlung.php.media/45747/zu-213-StadtA_NI_F_2_3_Nr_49_Bld_1_W_Arnoul_Koser_Bauer_Wiemer_Ebner_Geiss_Girardi-Vogt_Zimbrich.jpg.scaled/bc30615e9a0fa67b4554ca12cde0d679.jpg)

