Die Stadt Neu-Isenburg trauert um eine ihrer bedeutendsten Persönlichkeiten. Die international gefeierte Kammersängerin Anny Schlemm ist am 20. August 2026 im Alter von 97 Jahren in Graz gestorben. Mit ihr verliert die Musikwelt eine außergewöhnliche Opernsängerin und Bühnendarstellerin. Die Neu-Isenburger Ehrenbürgerin blieb ihrer Geburtsstadt immer eng verbunden.
Die Nachricht vom Tod Anny Schlemms erfüllt uns mit großer Trauer. Sie war eine außergewöhnliche Künstlerin, die auf den großen Bühnen der Welt zu Hause war und dabei ihre Neu-Isenburger Wurzeln nie vergessen hat. Mit ihrer Stimme, ihrer starken Bühnenpräsenz und ihrer unverwechselbaren Persönlichkeit hat sie Generationen von Opernfreunden begeistert. Für unsere Stadt war und bleibt es eine große Ehre, dass Anny Schlemm eine Neu-Isenburgerin war. Ihr Name gehört zur Geschichte unserer Stadt. Unser tiefes Mitgefühl gilt ihrer Familie und allen Menschen, die ihr nahestanden. Wir werden Anny Schlemm, ihr beeindruckendes Talent und ihr Lebenswerk immer in sehr guter Erinnerung behalten“, sagen Bürgermeister Dirk Gene Hagelstein und Erster Stadtrat Stefan Schmitt.
Anny Schlemm wurde am 22. Februar 1929 in Neu-Isenburg geboren. Ihr Vater Friedrich Schlemm, Friseur und Chorsänger an der Frankfurter Oper, wurde vom legendären Isenburger Tenor Franz Völker zum professionellen Singen inspiriert. Franz Völker schickte ihn zu seinem Gesangslehrer nach Frankfurt, wo Friedrich Schlemm zum Sänger ausgebildet wurde. Später zog die Familie nach Halle (Saale), wo er im Chor der Oper sang. Anny Schlemm selbst betonte zeitlebens mit einem Augenzwinkern: „Wenn Franz Völker meinen Vater nicht zum Singen verleitet hätte, wäre ich heute Friseuse.“
Ihre Geburt war mit einer kuriosen Anekdote verbunden: Am selben Tag ereignete sich in der Eigenheimstraße, in der die Familie wohnte, ein massiver Wasserrohrbruch. Ihre Mutter Wilhelmina kommentierte dies im Wochenbett: „Endlich ist in unserer Straße einmal etwas los, und dann kann ich nicht dabei sein.“
Schon als Kind sang Anny so lautstark in den Gassen, dass die Nachbarschaft sie „die Krischern aus de Herdegass“ – die Kreischerin aus der Hirtengasse – nannte. Die Bezeichnung blieb ihr als liebevoller Spitzname erhalten.
1941 zog die Familie wegen des Engagements des Vaters nach Halle (Saale), wo Anny Schlemm Gesang studierte und 1946 am Opernhaus in Halle ihr Operndebüt gab. Es war der Beginn einer außergewöhnlichen Karriere.
Anny Schlemm gilt als eine der wandlungsfähigsten Künstlerinnen des deutschen Musiktheaters. Ihr professionelles Bühnendebüt gab sie 1946 im Alter von 17 Jahren am Landestheater Halle. 1949 ging sie nach Berlin; weitere wichtige Stationen waren Köln und ab 1952 die Oper Frankfurt.
Ihre nahezu sechzigjährige Bühnenkarriere führte sie an bedeutende Opernhäuser und auf internationale Bühnen. Sie gastierte unter anderem in Wien, Paris, London, Barcelona, Rom, Toronto und San Francisco und sang mit bedeutenden Tenören wie Rudolf Schock, Plácido Domingo und José Carreras. Insgesamt verkörperte sie im Laufe ihrer Karriere mehr als 135 Partien.
Auch bei den Bayreuther Festspielen war sie regelmäßig zu erleben. Zwischen 1978 und 1985 sang sie dort die Mary in Richard Wagners „Der fliegende Holländer“. Eine ihrer berühmtesten Rollen wurde die Boulotte in Jacques Offenbachs „Ritter Blaubart“ in der legendären Inszenierung Walter Felsensteins an der Komischen Oper Berlin. Die Partie sang sie mehr als 275 Mal, darunter zahlreiche Vorstellungen in Frankfurt.
Anny Schlemm konnte auf eine nahezu sechzigjährige aktive Bühnenpräsenz zurückblicken. In dieser Zeit wandelte sich ihre Stimme vom lyrischen und jugendlich-dramatischen Sopran über das Mezzo-Fach bis zum dramatischen Alt.
Ihre enorme darstellerische Intensität verdankte sie maßgeblich der Schule des Regisseurs Walter Felsenstein. Gerade die Arbeit an der Komischen Oper Berlin prägte ihre Fähigkeit, Gesang und Schauspiel zu einer außergewöhnlichen Bühnenpräsenz zu verbinden. Im April 2003 verabschiedete sie sich im Alter von 74 Jahren an der Oper Frankfurt offiziell von der Bühne. Ihre letzte Rolle war Mama Lucia in Mascagnis Cavalleria rusticana.
Für ihre künstlerischen Leistungen erhielt Anny Schlemm zahlreiche Ehrungen. Im Jahr 2000 wurde ihr der renommierte Joana-Maria-Gorvin-Preis der Akademie der Künste verliehen.
Ihre Geburtsstadt Neu-Isenburg ehrte sie 1996 mit der Verleihung der Großen Ehrenplakette. 1999 erhielt sie als herausragende Persönlichkeit der Stadtgeschichte die Ehrenbürgerwürde. 2018 wurde eine Straße nach ihr benannt.
Anlässlich ihres 80. Geburtstags stiftete die Stadt Neu-Isenburg den mit 6.000 Euro dotierten Anny-Schlemm-Preis. Er wurde als Förderpreis für junge Sängerinnen des Opernstudios der Oper Frankfurt konzipiert und sollte alle fünf Jahre vergeben werden. 2024 beschloss die Stadt, das bisherige Konzept des Franz-Völker- und Anny-Schlemm-Preises neu zu gestalten. An die Stelle der traditionellen Wettbewerbskonzerte tritt ein Opernabend, der das Andenken an Franz Völker und Anny Schlemm in den Mittelpunkt stellt.
Auch nach ihrem Umzug 2007 nach Graz zu ihrem Sohn, dem Jazzmusiker Uli Rennert, blieb die Verbindung zu Neu-Isenburg eng. Die Stadt besuchte sie regelmäßig, und auch Schlemm selbst kam – insbesondere zu den traditionellen Weihnachtslesungen zwischen 2001 und 2014 – immer wieder in ihre Heimatstadt.
Ihr musikalisches Erbe, darunter Tondokumente, Briefe, Fotografien, Programmhefte, Tonträger, Plakate und persönliche Gegenstände ihrer Karriere werden im Franz Völker und Anny Schlemm Archiv im Stadtmuseum „Haus zum Löwen“ erhalten.
Chronologische Zeitleiste
- 22. Februar 1929: Geburt in Neu-Isenburg in der Eigenheimstraße; später Hirtengasse.
- 1941: Umzug der Familie nach Halle (Saale).
- 21. Juni 1946: Professionelles Bühnendebüt im Alter von 17 Jahren als Bastien in Mozarts Bastien und Bastienne am Landestheater Halle.
- 22. Dezember 1946: Durchbruch als Nanette in Lortzings Der Wildschütz.
- 1949: Engagement an der Berliner Staatsoper und an der Komischen Oper Berlin; prägende Zusammenarbeit mit Walter Felsenstein.
- 1951: Wechsel an die Oper Köln auf Einladung des Dirigenten Georg Solti.
- 1952: Festes Ensemblemitglied der Oper Frankfurt; Beginn ihrer großen internationalen Karriere.
- 1963: Ernennung zur Kammersängerin in Frankfurt.
- 1963: Triumph bei der Premiere von Offenbachs Ritter Blaubart in Berlin; Beginn ihrer großen Boulotte-Karriere. Insgesamt sang sie die Rolle 275-mal.
- 1971–1991: Sie verkörpert ihre Paraderolle als Klytämnestra in Richard Strauss’ Elektra mehr als 175-mal.
- 10. Juli 1996: Verleihung der Großen Ehrenplakette der Stadt Neu-Isenburg anlässlich ihres 50-jährigen Bühnenjubiläums.
- 1998: Ernennung zum Ehrenmitglied der Komischen Oper Berlin.
- 24. Februar 1999: Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Neu-Isenburg, kurz nach ihrem 70. Geburtstag.
- Oktober 2000: Auszeichnung mit dem renommierten Joana-Maria-Gorvin-Preis in Berlin für ihre Darstellungskunst; der Preis war mit 50.000 DM dotiert.
- Dezember 2001: Beginn der traditionellen Weihnachtslesungen in Neu-Isenburg.
- April 2003: Offizieller Bühnenabschied im Alter von 74 Jahren an der Oper Frankfurt als Mama Lucia in Cavalleria rusticana.
- Oktober 2005: Der Franz-Völker-Kreis benennt sich offiziell in Franz Völker-Anny Schlemm-Gesellschaft um.
- März 2007: Anny Schlemm verlegt ihren dauerhaften Wohnsitz nach Graz und übergibt ihr ungeordnetes Privatarchiv an die Franz Völker-Anny Schlemm-
Gesellschaft. - Dezember 2007: Das Anny-Schlemm-Archiv wird durch Archivar Gerhard Kilian geordnet und erschlossen. Die Sammlung umfasst unter anderem 18 Ordner und rund
4.100 Dokumente. - Januar 2008: Dreharbeiten in Neu-Isenburg und Frankfurt für ein städtisches Filmporträt über Anny Schlemm.
- 28. Februar 2009: Großes Gala-Festkonzert zu ihrem 80. Geburtstag in der Hugenottenhalle; die Stadt stiftet den mit 6.000 Euro dotierten Anny-Schlemm-
Preis. - 20. Oktober 2010: Die irische Mezzosopranistin Paula Murrihy erhält als erste Preisträgerin den Anny-Schlemm-Preis. Die Stadt Neu-Isenburg führt Murrihy
als erste Preisträgerin. - 2011: Der Anny-Schlemm-Preis wird offiziell als Förderpreis ausgelobt; vorgesehen ist eine Vergabe im Fünf-Jahres-Rhythmus in Kooperation mit der Oper
Frankfurt. - Dezember 2012: Die Stadt bringt am ehemaligen Wohnhaus in der Graf-Folke-Bernadotte-Straße 12 eine dauerhafte Messingtafel an.
- 22. März–30. Juni 2013: Große Sonderausstellung Anny Schlemm in ausgewählten Rollen im Stadtmuseum „Haus zum Löwen“.
- März 2014: Bürgermeister Herbert Hunkel überreicht ihr zum 85. Geburtstag die Hugenottenmedaille als Amulett.
- Dezember 2014: Anny Schlemm hält in der Marktplatzkirche ihre letzte Weihnachtslesung.
- Juni 2015: Offizielle Absage aller weiteren Weihnachtslesungen aus gesundheitlichen Gründen; damit endet die 14-jährige Ära der Weihnachtslesungen.
- 28. Februar 2016: Finale des zweiten Anny-Schlemm-Preises; die kanadische Mezzosopranistin Julia Dawson gewinnt den Wettbewerb in persönlicher
Anwesenheit von Anny Schlemm, die der Jury angehört. - Mai 2016: Eine Neu-Isenburger Bürgerdelegation reist nach Graz, um Anny Schlemm zu besuchen. Ein späterer Bericht dokumentiert die enge Verbindung
zwischen der Sängerin und ihrer Heimatstadt. - 2018: Benennung der Anny-Schlemm-Straße im Neu-Isenburger Neubaugebiet Birkengewann.
- 22. Februar 2019: Anny Schlemm feiert ihren 90. Geburtstag. Im Juni übermittelt sie ein Grußwort zur Eröffnung der Kita Birkengewann in der nach ihr
benannten Straße. - 2021: Nach der Auflösung der Franz Völker-Anny Schlemm-Gesellschaft geht das gesamte Archivgut in das Eigentum der Stadt Neu-Isenburg über. Das musikalische Erbe wird anschließend im Stadtmuseum „Haus zum Löwen“ verwaltet.
- 22. Februar 2024: Anny Schlemm feiert ihren 95. Geburtstag in Graz. Die Stadt Neu-Isenburg würdigt ihre Lebensleistung erneut und verweist auf das Franz-Völker- und Anny-Schlemm-Archiv im Stadtmuseum.
- 17. Februar 2025: Die Stadt Neu-Isenburg kündigt an, dass Anny Schlemm am 22. Februar ihren 96. Geburtstag feiern wird, und würdigt sie erneut als bedeutende Opernsängerin und Ehrenbürgerin.
- 22. Februar 2026: Anny Schlemm feiert ihren 97. Geburtstag.
- 22. Februar 2026: Aus Anlass ihres 97. Geburtstags veranstaltet das Stadtmuseum „Haus zum Löwen“ eine feierliche Konzertmatinee. Dabei werden Ausschnitte aus ihren bekanntesten Rollen präsentiert. Die Veranstaltung bildet zugleich den Abschluss der Sonderausstellung über Anny Schlemm und Franz Völker.




