Am 23. Juni 2026 besuchte das Ehepaar Ami und Dorit Gilad Neu-Isenburg. Ami Gilad ist ein Nachkomme der Familie Goldmann, die nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 aus Neu-Isenburg nach Palästina emigrierte. Während ihres Besuches trafen sie den Bürgermeister Dirk Gene Hagelstein, besichtigten die 2011 für ihre Familie verlegten Stolpersteine und besuchten die Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim
Der Besuch begann mit einem Gespräch im Büro des Bürgermeisters Dirk Gene Hagelstein. Neben Ami und Dorith Gilad waren Andreas Greim vom Stadtarchiv und Anna Held von der Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim zugegen. Gast an diesem Tag war auch Dr. Heidi Fogel, die durch ihre Arbeit für das Bertha-Pappenheim-Haus eine enge Bindung zur Familie Goldmann aufgebaut hatte und auch bei vorherigen Besuchen bereits dabei war. Im Rahmen der Veröffentlichung „Neu-Isenburg zwischen Anpassung und Widerstand“ von Dr. Dieter Rebentisch und Angelika Raab“ lernte sie die Familie bereits in den 1970er Jahren kennen. Daraus entstand eine lange Verbundenheit.
Das Ehepaar Gilad überreichte dem Bürgermeister ein Gastgeschenk und brachte auch neue Informationen mit. Beispielsweise, dass das alte Firmenschild des Schuhmachers von Max Goldmann immer noch existiert und im Familienbesitz weiter in Ehren gehalten wird. Den Gästen wurde im Gegenzug eine Mappe überreicht, in der alle Zeitungsartikel zu den Besuchen der Familie in Neu-Isenburg enthalten sind.
Nach dem Gespräch mit dem Bürgermeister besuchte das Ehepaar die vier Stolpersteine ihrer Familie in der Frankfurter Straße 19. Sie sind Teil der insgesamt 26 Steine und einer Schwelle, die in den Jahren 2009 und 2011 in Neu-Isenburg verlegt wurden. Den Abschluss des Besuchs machte die Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim. Neben der Durchsicht der Archivunterlagen, die Andreas Greim vorbereitet hatte, konnten hier auch die Objekte besichtigt werden, die Willi Goldmann der Stadt Neu-Isenburg im Laufe der Jahre geschenkt hat
„Es sind auch Besuche wie diese, die die Arbeit der Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim so wichtig für die Stadt machen. Sie ist mehr als ein Ort, der an die Stadtgeschichte erinnert, sie ist ein Ort der Begegnung und Anknüpfungspunkt für viele Familien, deren Leben mit Bertha Pappenheim und ihrer Arbeit bis heute verbunden ist.“, so der Bürgermeister Dirk Gene Hagelstein.
Die Geschichte der Familie Goldmann
Ami Gilads Großmutter
Ami und Dorit Gilad in der Frankfurter Straße 19 mit den vier Stolpersteinen der Familie Goldmann
Rosa Goldmann (geb. Müngelgrün) absolvierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Ausbildung in der Frankfurter Haushaltsschule, deren Leiterin damals Bertha Pappenheim war. Von Beginn an zeigte sie besonderes Interesse für Rosa und stellte sie 1907 in ihrem Privathaushalt als Haushälterin ein. Im Haus ihres Bruders in Offenbach lernte Rosa Max Goldmann kennen, der zu dieser Zeit seine Meisterprüfung als Orthopädieschuhmacher absolvierte. 1911 heirateten die beiden und zogen, nicht zuletzt auf Betreiben von Bertha Pappenheim, nach Neu-Isenburg – zunächst in die Frankfurter Straße 19, später in die Frankfurter Straße 26, wo sie im Erdgeschoss auch ein Ladengeschäft mieteten. Am 14. September 1912 wurde ihr Sohn Willi geboren, zweieinhalb Jahre später, am 13. März 1915, ihre Tochter Johanna.
Die Beziehung zwischen Rosa Goldmann und Bertha Pappenheim war eng, Rosa genoss Berthas volles Vertrauen. So war sie während Berthas Reisen für deren Privathaus zuständig, von jeder Reise bekam sie ein Geschenk mitgebracht. Rosa unterstützte auch im 1907 gegründeten Heim „Isenburg“, so kannte sie beispielsweise die besten Wäschereien der Stadt und sortierte die Wäsche entsprechend. Großen Wert legte Bertha Pappenheim darauf, dass die Tochter Johanna bei den Handarbeitsnachmittagen im Heim dabei war.
Familie Goldmann war in Neu-Isenburg gut integriert. Die Eltern pflegten rege Geschäftsbeziehungen und auch viele Freundschaften zu nicht-jüdischen Neu-Isenburgerinnen und Neu-Isenburgern. Die beiden Kinder gingen in Neu-Isenburg in den Kindergarten und zur Schule. Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung änderte sich die Situation rasch.
1933 verlor der 20-jährige Willi Goldmann seine Arbeitsstelle. Da er für sich im nationalsozialistischen Deutschland keine Zukunft mehr sah, entschloss er sich noch im selben Jahr zur Emigration. Im Juli 1933 erhielt der begeisterte und erfolgreiche Turner über den Frankfurter Jüdischen Turnerbund und mit einer Empfehlung des Vorsitzenden des Palästinaamtes in Frankfurt ein Einwanderungszertifikat für Palästina. Zwei Wochen später hielt er das Einreisevisum in den Händen. Ende August 1933 verließ Willi Goldmann Deutschland. Max, Rosa und Johanna Goldmann blieben zunächst in Neu-Isenburg, bis Willi sie 1935 nachholte. Johanna verdankte die Ausreise und damit ihr Leben vor allem Bertha Pappenheim. Willi Goldmann konnte von Palästina aus ein Anforderungszertifikat nur für die Eltern beanspruchen, da ein Familienvisum nur für Kinder bis zum 18. Lebensjahr galt, Johanna aber schon 20 Jahre alt war. Durch Vermittlung von Bertha Pappenheim trug der englische Generalkonsul in Frankfurt Johanna einfach in das Visum der Eltern ein. Die englischen Einwanderungsbeamten in Palästina entdeckten die Manipulation, ließen Johanna jedoch einreisen.
Diese und weitere Familiengeschichte zu den 26 Stolpersteinen in Neu-Isenburg sind in der Stolperstein-Broschüre zu finden.
Willi Goldmanns Engagement für seine ehemalige Heimatstadt
Ende der 1970er Jahre nahm Willi Goldmann als einer der ersten vertriebenen jüdischen Neu-Isenburger wieder Kontakt auf. 1978 kam er mit seiner Schwester anlässlich der Vorstellung des Buchs „Neu-Isenburg zwischen Anpassung und Widerstand“ von Dr. Dieter Rebentisch und Angelika Raab nach Neu-Isenburg. Willi Goldmann und Johanna, inzwischen verheiratete Glenn, hatten mit ihren Beiträgen über ihr Leben in Neu-Isenburg sowie die Veränderungen mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten einen wichtigen Teil zum Buch beigetragen. 1981 lud die Stadt die Ehepaare Goldmann und Glenn offiziell ein, auch privat zog es Willi einige Male in seine ehemalige Heimatstadt. Zusammen mit anderen Zeitzeugen und Zeitzeuginnen war er bei einer Veranstaltung anlässlich des 50. Todestages von Bertha Pappenheim im Mai 1986 dabei und erzählte von der Verbindung seiner Familie mit Bertha Pappenheim. In Israel bemühte er sich darum, Erinnerungen an Bertha Pappenheim zusammenzutragen, indem er sich mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen traf und deren Erinnerungen festhielt. Außerdem überließ er der Stadt einige Exponate zu jüdischem Leben, die in der Stadtbibliothek ausgestellt wurden, um an Bertha Pappenheim zu erinnern. Heute sind diese Objekte in der Ausstellung der Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim zu sehen. Willi Goldmann starb 1989 in Israel. Seine Frau Channa war im Oktober 1996 mit ihrer Tochter zur Eröffnung der Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim noch einmal zu Gast in Neu-Isenburg.
Kontakt:
Magistrat der Stadt Neu-Isenburg
Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim (Öffnet in einem neuen Tab)
Weitere Informationen: Stolpersteine in Neu-Isenburg (Öffnet in einem neuen Tab)

