Jährlich erinnert die Stadt Neu-Isenburg mit einer Gedenkveranstaltung an das Novemberpogrom 1938. In diesem Jahr widmet sich die Veranstaltung am Dienstag, 10. November dem Leben von Margot Friedländer. Der Abend beginnt um 19:00 Uhr mit einer gemeinsamen Kranzniederlegung vor dem Bertha-Pappenheim-Haus durch die Stadtverordnetenvorsteherin Christine Wagner und den Bürgermeister Dirk Gene Hagelstein.
Am Abend des 10. November 1938 brannten antisemitisch und nationalsozialistisch gesinnte Neu-Isenburger Bürger Haus I des Heims des Jüdischen Frauenbundes nieder, während die Frauen und Kinder zu sehen mussten, wie ihr Schutzraum, der für viele ein Zuhause geworden war, zerstört wurde. Zuvor waren in der Stadt jüdische Bürgerinnen und Bürger geschlagen und gedemütigt, Geschäfte geplündert worden. Bis zur zwangsweisen Schließung des Heims 1942 wurden die Bewohnerinnen schikaniert und ausgegrenzt. Viele von ihnen sind deportiert und ermordet worden. Hieran erinnern heute in Neu-Isenburg mehrere Stolpersteine und eine Stolperschwelle vor der Gedenkstätte.
In diesem Jahr widmet sich die Gedenkveranstaltung einer bemerkenswerten Frau: Margot Friedländer. Sie wurde am 05. November 1921 in Berlin geboren. Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen, veränderte sich das Leben in Deutschland radikal. So auch für Margot Friedländer und ihre Familie. Sie selbst überlebte zunächst im Untergrund, dann das Konzentrations-lager Theresienstadt und heiratete nach der Befreiung Adolf Friedländer. 1946 emigrierte sie gemeinsam in die USA. Nach seinem Tod 1997 begann Margot Friedländer sich durch das Schreiben mit ihrer Lebensgeschichte auseinanderzusetzen und veröffentlichte ihre Erinnerungen. 2008 erschien ihre Biografie „Versuche, dein Leben zu machen.“
Mit über 80 Jahren kehrte sie zurück nach Deutschland: Hier widmete sie sich intensiv dem Dialog mit jungen Menschen und teilte ihre Lebensgeschichte mit ihnen. Ihr Engagement, ein stetiger Appell. Bis zum Schluss engagierte sie sich gegen den wachsenden Antisemitismus, teilte ihre Geschichten und Erinnerungen.
Am 10. November möchten die Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim an sie erinnern. An ihre Stärke, ihren Mut und ihr unermüdliches Mahnen für die Menschlichkeit und die Demokratie.
Zu Gast im Bertha-Pappenheim-Haus ist an diesem Abend Leeor Engländer. Er stammt aus einer jüdischen Familie. Seine Großeltern überlebten die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald.
Mit Margot Friedländer verband ihn eine zwanzigjährige enge persönliche Freundschaft. Er lernte sie bereits 2005 kennen, als sie noch in New York lebte und nach Berlin kam, um ihren Dokumentarfilm „Don’t call it Heimweh“ zu präsentieren – lange bevor sie nach Deutschland zurückkehrte und zu einer der bekanntesten Stimmen der Erinnerungskultur wurde. Über zwei Jahrzehnte begleitete er ihren außergewöhnlichen Lebensweg und ihr unermüdliches Engagement als Zeitzeugin. Die gemeinsame Auseinandersetzung mit der Shoah, jüdischer Identität und der Verantwortung nachfolgender Generationen prägte ihre Beziehung. Bei ihrer Beisetzung im Mai 2025 hielt er die Trauerrede.
Leeor Engländer ist Kuratoriumsmitglied der 2023 gegründeten Margot-Friedländer-Stiftung. Er publiziert regelmäßig über jüdisches Leben und Antisemitismus in Deutschland.
Anmeldungen werden ab sofort per E-Mail oder per Telefon 06102 241 -754 / -755 entgegengenommen. Die Teilnahme ist kostenlos.
Weitere Veranstaltungen der Gedenkstätte und Stadtbibliothek finden Sie auf der Veranstaltungswebseite (Öffnet in einem neuen Tab) der Stadt.
Vor der Abendveranstaltung findet in der Kirche am Marktplatz um 17:30 Uhr ein Gottesdienst zum Pogromgedenken statt. Der Gottesdienst wird gestaltet von Pfarrerin Silke Henning, Kantorin Elke Meyer und Jugendlichen.


