In den ersten sechs Jahren nach der Gründung 1907 bleibt »Isenburg« baulich unverändert. Danach entwickelt sich das Heim in wenigen Jahren zu einem Komplex aus vier Häusern (Haus I – IV) in einem großen Garten. 1918 beherbergt es 43 Menschen, die durchschnittlich knapp ein Jahr lang bleiben. Den größten Anteil stellen die Jugendlichen.
Die rasche Heimerweiterung zwischen 1914 und 1918 resultiert aus den Ereignissen des Ersten Weltkriegs: Die Zahl der traumatisierten und verwaisten Minderjährigen wächst dramatisch an. »Isenburg« nimmt Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten Osteuropas auf, notleidende Frauen mit ihren Kindern und erholungsbedürftige Frankfurter Kinder. Als überzeugte Deutsche jüdischen Glaubens stellt Bertha Pappenheim das Heim 1914 »in den Dienst des Vaterlandes«. Sie bietet Haus I als Lazarett an, die Heimbewohnerinnen stricken und nähen für die Kriegsfürsorge. Unter den an gespannten wirtschaftlichen Verhältnissen gehen aus dem Inland nur noch wenige Spenden ein. Die Versorgung mit Lebensmitteln kann teilweise aus dem eigenen Garten bestritten werden, Zuwendungen aus dem Ausland helfen zu überleben.
»Natürlich haben wir Lumpen geflickt, unheimlich dicke Suppen gegessen und Rübenmarmelade (frische Milch und wöchentlich 1/2 Pfund Butter gab es nur für die Kleinen und Kleinsten) und haben die Kohlennot durchkämpft, die Kinder mussten vielfach Holzsandalen tragen, im Sommer barfuß laufen; wir mussten für manche Schäden und Abnutzung blind sein [...].« (BERTHA PAPPENHEIM, 1926 IM RÜCKBLICK AUF DIE KRIEGSZEIT)
Mit der Stabilisierung der Weimarer Republik verbessert sich auch die Situation des Heims. Die Häuser werden erweitert, ein Spielplatz und ein Garten angelegt. 1928 erhält Haus IV einen großen Anbau, in dem eine Krankenstation eingerichtet wird. Bertha Pappenheim zieht von Frankfurt in die Nähe des Heims (Zeppelinstr. 41).
Die Weltwirtschaftskrise gefährdet die Finanzierung des Heimbetriebs. 1932 muss Haus III vermietet werden. Antisemitismus wird nun auch in Neu-Isenburg spürbar. Mit der Wahl Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 beginnt die Zerstörung von Bertha Pappenheims Lebenswerk.
Die Texte wurden im Auftrag der Stadt Neu-Isenburg erarbeitet von Dr. Heidi Fogel und Noemi Staszewski, Neu-Isenburg.
Der AudioGuide entstand mit freundlicher Unterstützung von Prof. Dr. Dr. Rüdiger Marmulla.