Bertha Pappenheim wird am 27. Februar 1859 in Wien als dritte Tochter von Siegmund und Recha Pappenheim geboren. Ihr Vater ist ein erfolgreicher Kaufmann aus einer angesehenen Preßburger jüdischen Familie. Ihre Mutter Recha stammt aus der Frankfurter Bankiersfamilie Goldschmidt. Zu ihren Vorfahren gehören Jente von Hameln, die Schwägerin Glückel von Hamelns, und Heinrich Heine. Auch mit den Rothschilds ist sie verwandt.
In Wien erhält Bertha die damals übliche Erziehung einer »höheren Tochter«. Nach Beendigung der Mädchenschule wird sie von einer Gouvernante erzogen. Neben Haushaltsführung nach jüdischen Regeln und Handarbeiten zur Herstellung der Aussteuer erlernt sie Reiten, Konversation und Sprachen. Als junges Mädchen spricht sie bereits Englisch, Französisch und Italienisch, kann Jiddisch und Hebräisch lesen. Sie geht ins Theater und besucht Konzerte, wird aber von den Problemen des alltäglichen Lebens ferngehalten.
»Bisher galt es als ein Axiom der guten Erziehung, die Mädchen über all das, was sich außerhalb des Rahmens der Häuslichkeit ereignete, im Dunkeln oder doch im Unklaren zu lassen. Den Zusammenhang zwischen Armut, Krankheit und Verbrechen kennen diese mit verschleierten Augen aufgewachsenen Menschenkinder nicht.« (BERTHA PAPPENHEIM, 1998)
Bertha Pappenheim ist 21 Jahre alt, als ihr Vater schwer erkrankt und im Jahr darauf stirbt. Während seiner Pflege bekommt sie Halluzinationen, Lähmungserscheinungen, Sprach- und Sehstörungen. Der Hausarzt der Familie, Josef Breuer, findet gemeinsam mit ihr heraus, dass das »Aberzählen« ihrer Gefühle und Gedanken heilsame Wirkung hat. Bertha nennt diese Behandlungsform ihr »Privattheater« oder auch »talking-cure«. Breuer entwickelt daraus eine eigene therapeutische Technik. Sie bildet den Grundstein für Sigmund Freuds psychoanalytische Methode. 1895 veröffentlichen Josef Breuer und sein Assistent Sigmund Freud Berthas Krankengeschichte in den »Studien über Hysterie«.
Die Texte wurden im Auftrag der Stadt Neu-Isenburg erarbeitet von Dr. Heidi Fogel und Noemi Staszewski, Neu-Isenburg.
Der AudioGuide entstand mit freundlicher Unterstützung von Prof. Dr. Dr. Rüdiger Marmulla.

