Stadt Neu Isenburg

Bertha Pappenheim

Der Jüdische Frauenbund unter dem Hakenkreuz

Die gesellschaftlich schon in den 1920er Jahren überholte Beschränkung der beruflichen Frauenbildung auf soziale und hauswirtschaftliche Tätigkeiten sichert nach der Machtergreifung der NSDAP das wirtschaftliche Überleben vieler jüdischer Frauen. Als 1935 mit den Nürnberger Gesetzen z. B. die Beschäftigung »arischer« Angestellter in jüdischen Haushalten verboten wird, übernehmen Kursteilnehmerinnen des JFB diese Arbeiten.

Deckblatt der »Blätter des Jüdischen Frauenbundes«. Das Papier ist rundherum angerissen. Oben und unten schließen Zierleisten die Seite ab. Oben steht in kleiner Schrfit folgender Text: Wenn Gemeinschaften, religöse, soziale, politische, nicht außer ihrem Statutenmäßig festgelegten Arbeits- und Ideenkreis durch ein Ethos verbunden sind, das gelegenetlich wie eine Feuersäule aus dem Dornbusch hervorbricht, dann ist Einsamkeit besser als Gemeinschaft. In der Mitte steht in großen Lettern: Blätter des Jüdischen Frauenbundes für Frauenarbeit und Frauenbewegung. Unten steht in einer Zierschrift: Zum 25 jährigen Bestehen des Bundes 1904 - 1929.
Deckblatt der »Blätter des Jüdischen Frauenbundes« zum 25-jährigen Bestehen des JFB (1929).

Im Juni 1933 tritt der JFB aus dem Bund Deutscher Frauenvereine aus, der sich wenige Tage später selbst auflöst. Die Arbeitsmöglichkeiten des JFB werden weiter eingeschränkt. Öffentliche Sammlungen sind nicht mehr erlaubt. 1936 wird die Arbeit auf Bahnhöfen untersagt, 1937 werden die Stellenvermittlungen verboten. Nach den Novemberpogromen von 1938 befiehlt die nationalsozialistische Regierung Ottilie Schönewald, seit 1934 Vorsitzende des JFB, den Verband aufzulösen. Vermögen und Einrichtungen gehen in die »Reichsvertretung der deutschen Juden« über.

Noch 1934 kritisiert der JFB in seinen »Blättern« die Kinderverschickung ins Ausland. Nach 1935 ändert er seine Haltung zur Emigration. Er unterstützt Auswanderungswillige, richtet Kurse für handwerkliche und landwirtschaftliche Berufe sowie Sprachen ein und vermittelt Kontakte zu Mitgliedern im Ausland.

1939 wandert Ottilie Schönewald nach England aus. Andere Vorstandsmitglieder, wie Cora Berliner oder Hannah Karminski, arbeiten in der »Reichsvertretung« weiter. 1942 werden sie in Konzentrationslager deportiert und ermordet.

»Das Leben hätte für mich seinen Sinn verloren, wenn ich das Vertrauen der Menschen, die sich auf mich verlassen, enttäuschen müsste.« (CORA BERLINER ÜBER IHRE WEIGERUNG, DEUTSCHLAND ZU VERLASSEN)

Auf dem Bild sind drei junge Frauen bei der Feldarbeit zu sehen. Sie hocken und stehen dicht beisammen um einen Anbindestock auf einem Feld. Eine bindet grade eine Pflanze an, eine andere hat einen weiteren Stock in der Hand. Die Dritte harkt daneben den Boden.
Junge Frauen eines landwirtschaftlichen Umschulungskurses 1935.

Wie stark Hannah Karminski und ihre Freunde in der deutschen Kultur verwurzelt sind, wird in einem Brief deutlich, den Hannah Karminski über die Deportation Cora Berliners schreibt:

»Bücher haben C. und unsere anderen Freunde mitgenommen. Sie haben sich über die Auswahl untereinander verständigt. C. hatte meines Wissens den Faust I und eine Auswahlsammlung mit. Als ich am letzten Tag, kurz vor der Abreise, bei ihnen war, saßen sie in der Sonne im Hof und lasen Goethe.«


Die Texte wurden im Auftrag der Stadt Neu-Isenburg erarbeitet von Dr. Heidi Fogel und Noemi Staszewski, Neu-Isenburg.

Der AudioGuide entstand mit freundlicher Unterstützung von Prof. Dr. Dr. Rüdiger Marmulla.

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