Stadt Neu Isenburg

Bertha Pappenheim

Soziale Arbeit als Lebensinhalt

Ende 1882 besucht Bertha Pappenheim einen Krankenpflegekurs in Karlsruhe. 1888 zieht sie mit ihrer Mutter nach Frankfurt. Wie andere Frauen ihrer Familie ist sie in jüdischen Hilfsorganisationen aktiv, betreut jüdische Pogromflüchtlinge aus Osteuropa und arbeitet in den Suppenküchen des Israelitischen Hilfsvereins. Sie beschäftigt sich mit Frauenrechten und wird zu einer engagierten Feministin und Verfechterin allgemeiner Berufsausbildung für Mädchen. In den 1890er Jahren tritt sie dem Frankfurter Frauenbildungsverein bei.

Gruppenfoto von jungen Mädchen, die in drei Reihen hintereinander stehen. Die vorderste Reihe sitzt auf einer Bank. Alle Mädchen tragen die gleiche Kleidung: Ein hochgeschlossenes, helles Unterkleid mit einem farblich abgesetzten, ärmellosen Überkleid. Bertha Pappenheim steht rechts neben der Gruppe sie träft ein dunkles, hochgeschlossenes Kleid mit einer langen Kette.
Bertha Pappenheim als Leiterin der Israelitischen Waisenanstalt in Frankfurt mit ihren Mädchen.

1895 nimmt sie ihre erste Stellung als Heimmutter der Israelitischen Mädchenwaisenanstalt an, einer von Baronin Rothschild gegründeten Institution des Israelitischen Frauenvereins. Sie verändert das bisherige Erziehungskonzept, lebt bei »ihren« Mädchen und wandelt die Anstalt in ein familienähnliches Heim um. Einige der Mädchen, wie z. B. Helene Krämer, Johanna Stahl und Sophie Mamelok, werden später ihre Mitarbeiterinnen.

Ab 1900 arbeitet Bertha Pappenheim als ehrenamtliche Armen- und Waisenpflegerin der Stadt Frankfurt. Sie ist maßgeblich an der Einrichtung staatlicher Institutionen zur Armenpflege, wie dem Wohnungsamt, dem Arbeitsamt und dem Jugendamt, beteiligt. Sie wirkt an Gesetzesreformen im Jugendstrafrecht, Vormundschaftsrecht sowie den Rechten lediger Mütter und unehelicher Kinder mit.

Soziale Hilfstätigkeit begreift sie als Veränderung der Lebensverhältnisse. Darin zeigt sich ihre tiefe Verwurzelung in jüdischer Tradition. Als höchste Stufe der Zedakah, dem jüdischen Begriff für Gerechtigkeit und Wohltätigkeit, gilt, einem Notleidenden Arbeit zu verschaffen, um sich und seine Familie zu ernähren. Die Einrichtung von Flickschulen, einer jüdischen Haushaltsschule und die Forderung nach Verbesserung der Schul- und Berufsausbildung für Frauen stehen in dieser Tradition.

»Zu den wichtigsten Zeitgedanken solcher Fürsorge gehört, dass Almosen, einem Narkotikum gleich, schädlich und demoralisierend wirken. Darum kann Helfen kein bequemes, gedankenloses, fahrlässiges Schenken von Geld und Geldeswert sein, sondern das Bekämpfen von Zuständen, die der Hilfsbedürftige vielleicht in ihrer Tragweite selbst gar nicht voll zu erkennen vermag.« (BERTHA PAPPENHEIM, 1920)


Die Texte wurden im Auftrag der Stadt Neu-Isenburg erarbeitet von Dr. Heidi Fogel und Noemi Staszewski, Neu-Isenburg.

Der AudioGuide entstand mit freundlicher Unterstützung von Prof. Dr. Dr. Rüdiger Marmulla.

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise