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Nachruf Peter Isaak Katzenstein

Am 3. März 2026 verstarb Peter Isaak Katzenstein in Calgary, Kanada. Dorthin war er im Alter von 26 Jahre emigriert, nachdem ihn sein Lebensweg unter anderem in das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg, nach Frankfurt und in die Schweiz geführt hatte. Mit dem Tod von Peter Isaak Katzenstein geht nicht nur ein wichtiger Zeitzeuge, sondern auch einer der wenigen noch lebenden ehemaligen Bewohner des Neu-Isenburger Heims von Bertha Pappenheim verloren.

Der Lebensweg von Gretel und Peter Isaak Katzenstein

Die Mutter von Peter Isaak war Grete Katzenstein. Geboren am 1. März 1911 in Rhina (Landkreis Hersfeld-Rotenburg), emigrierte die damals etwa 28-Jährige kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in die Niederlande. Dort lernte sie ihren Ehemann kennen, von ihm ist nur der Nachname bekannt: Wiener. Vermutlich war er polnischer Herkunft. Das Paar heiratete nach jüdischem Ritus, eine standesamtliche Trauung war für Jüdinnen und Juden nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Niederlande nicht mehr möglich. 1940 wurde Gretel auf Veranlassung der deutschen Besatzungsbehörden nach Deutschland zurückgebracht. Der Grund ist unklar, vielleicht sollte Gretel Katzenstein dort zur Zwangsarbeit eingesetzt werden. Sie erwartete jedoch ein Baby. Im siebten Monat schwanger kam sie im Juni 1940 in das Heim des Jüdischen Frauenbundes nach Neu-Isenburg. Wo sie sich zuvor aufgehalten hatte und wer ihre Unterbringung im Heim veranlasst hatte, ist nicht überliefert. Zu dieser Zeit stand sie unter verstärkter Beobachtung der Gestapo. Ihr Sohn Peter Isaak Katzenstein wurde am 9. September 1940 im Israelitischen Krankenhaus in Frankfurt am Main, Gagernstraße 36, geboren. Elf Tage nach der Geburt kehrten Mutter und Sohn zusammen in das Neu-Isenburger Heim zurück, wo Grete als Angestellte arbeitete und ihr Kind betreute. Aber Gretel war von der Festnahme durch die Gestapo bedroht, sodass sie schließlich mit Unterstützung der Heimleitung nach Zagreb floh. Ihr drei Monate altes Kind musste sie in Neu-Isenburg zurücklassen. Gretel entkam nur knapp, denn einen Tag nach ihrer Flucht kam die Gestapo in das Heim des Jüdischen Frauenbundes, um die junge Frau zu verhaften.

Von Zagreb aus hielt Gretel Katzenstein noch eine Weile Kontakt zu den Pflegerinnen ihres Kindes. Sie schickte Briefe, erhielt aus Neu-Isenburg Fotos und Berichte über die Entwicklung des Jungen. Mit der Machtübernahme der Achsenmächte in Kroatien im Frühjahr 1941 brach die Verbindung jedoch ab.

Gretel Katzenstein überlebte die Shoah nicht. Sie wurde in Serbien bei einer Massenerschießung ermordet. Bei der Exhumierung der Leichen aus einem Massengrab in der Nähe des serbischen Dorfes Zasavica fand man persönliche Dokumente von ihr. Möglicherweise war Grete in das nahe gelegene Konzentrationslager Šabac (Schabatz) verschleppt worden.

Als Peter ein halbes Jahr alt war, wurde er von Neu-Isenburg nach Frankfurt in das Heim des Vereins „Weibliche Fürsorge“ in der Hans-Thoma-Straße 24 verlegt. Dort blieb er anderthalb Jahre lang. Am 15. September 1942 wurde das Heim der „Weiblichen Fürsorge“ zwangsweise geschlossen. Die verbliebenen 43 Kinder und ihre Betreuerinnen und Betreuer wurden noch am selben Tag von Frankfurt aus in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Unter ihnen war der zweijährige Peter Isaak Katzenstein.

Peter überlebte im Konzentrationslager Theresienstadt. Kurz vor Kriegsende wurde er in dem sogenannten Musy-Transport in die Schweiz gerettet. Damals wurden am 5. Februar 1945 in einem Tauschgeschäft – Menschen gegen Devisen – 1200 jüdische Gefangene aus Theresienstadt in die Schweiz gebracht. Es handelte sich überwiegend um ältere Menschen, aber auch 58 Kinder konnten ausreisen.

Peter wurde zunächst in das Auffanglager Montreux-Belmont gebracht, später lebte er im Durchgangslager Möhlin (Kanton Aargau). Kontakt zu seiner späteren Adoptivfamilie fand er durch einen glücklichen Zufall. Peter besuchte mit einer Rot-Kreuz-Schwester aus dem Lager Möhlin das Bekleidungsgeschäft Albert Luss in Rheinfelden. Als sein Nachname zur Sprache kam, wurde die Tochter des Inhabers hellhörig, war Katzenstein doch der Name ihres Freundes und späteren Ehemannes. Ruth Luss hatte die Hoffnung, dass mit Peter ein deutscher Verwandter der Katzensteins die Shoah überlebt haben könnte. Zwar stellte sich heraus, dass kein Verwandtschaftsverhältnis bestand, dennoch kämpfte die Familie Katzenstein dafür, dass der kleine Junge in der Schweiz bleiben durfte. Anni Tilli Katzenstein nahm den Jungen schließlich in Pflege und adoptierte ihn einige Jahre später.

Bei seiner Ankunft in der Schweiz wusste Peter nichts über seine Herkunft. Entscheidende Aufklärung konnte Emma Haas leisten, die von 1924 an als Hausmutter im Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg eine leitende Funktion innegehabt hatte. Emma Haas war nach der zwangsweisen Auflösung der Neu-Isenburger Einrichtung im März 1942 nach Mainz gezogen und am 10. Februar 1943 von Darmstadt aus nach Theresienstadt deportiert worden. Am 5. Februar 1945 wurde sie im selben Transport wie Peter in die Schweiz gerettet. Unter Vermittlung des Schweizer Hilfswerks für Flüchtlingskinder konnte sie der Pflegemutter im Herbst 1945 Auskunft über die Mutter des Jungen geben.

Nach Kriegsende gelang es, Peters Onkel – den Bruder der Mutter – ausfindig zu machen, der nach Palästina hatte fliehen können. Ein weiterer Verwandter war in die USA emigriert. Beide waren bereit, den Jungen aufzunehmen. Da sich Peter aber in der Schweiz gut eingelebt hatte, blieb er dort bei Anni Katzenstein und wuchs bei seiner Adoptivmutter auf. Nach dem Schulabschluss machte er eine Ausbildung zum Automechaniker. Im Alter von 26 Jahren emigrierte Peter Katzenstein nach Kanada, wo er sich zum Versicherungskaufmann ausbilden ließ. Peter Isaak Katzenstein lebte dort mit seiner Frau, bis er am 3. März 2026 verstarb.

Die Anteilnahme gilt den Hinterbliebenen von Peter Isaak Katzenstein. Gleichzeitig auch ein großer Dank an den Cousin David Katzenstein, der den Kontakt zu Peter Isaak vermittelte und die Stadt Neu-Isenburg über dessen Ableben informierte.

Diese und weitere Lebensgeschichten finden Sie im Online-Gedenkbuch des ehemaligen Heims des Jüdischen Frauenbundes. Die Geschichte von Emma Haas wurde unter anderem auch in einer Podcastfolge in der Reihe EXIL des Leo Baeck Institute, New York behandelt. Sonntags von 11:00 bis 14:00 Uhr, außer an Feiertagen, gibt es außerdem die Möglichkeit, die Ausstellung zu Bertha Pappenheim und dem Heim im ehemaligen Haus II zu besichtigen. Das Team freut sich auch über Besuche nach Vereinbarung außerhalb der Öffnungszeiten. 

Einträge im Online-Gedenkbuch (Öffnet in einem neuen Tab):

Katzenstein, Peter Isaak (Öffnet in einem neuen Tab)

Katzenstein, Gretel (Öffnet in einem neuen Tab)

Haas, geb. Gottlieb, Emma (Öffnet in einem neuen Tab)

Kontakt:

Magistrat der Stadt Neu-Isenburg

Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim (Öffnet in einem neuen Tab)

Zeppelinstraße 10, Neu-Isenburg

Öffnungszeiten:
Sonntags 11:00 bis 14:00 Uhr und nach Vereinbarung

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